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  Kultur * 2012

Konzertberichte, Plattenkritiken & Buchbesprechungen

04.07.2012: Patti Smith, Freiburg, ZMF
10.07.2012: Janelle Monaé, Freiburg, ZMF
13.07.2012: Nada Surf / The Ting Tings, Montreux, MJF
19.07.2012: Caro Emerald, Freiburg, ZMF
21.07.2012: ZAZ, Lörrach, Marktplatz / Stimmen
22.07.2012: Jarabedepalo / Calle 13, Freiburg, ZMF
22.07.2012: Lenny Kravitz, Lörrach, Stimmen

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22.07.2012, Stimmen, Lörrach, Marktplatz
Drei Engel für Lenny


Stimmen Lenny Kravitz? Das war doch, der Sänger der mit den beiden tollen Alben "Let love rule" und "Mama said" ein Stück Rockgeschichte geschrieben hat. Rein aus subjektiver Sicht des Erzählers. Sozusagen in verklärter Erinnerung. Wenn man die Verkaufszahlen über die Karriere des Kravitz mal anschaut, sind diese bislang eine Rampe gefahren. Erst rauf und dann wieder runter. Dennoch hat er über seine beachtliche Anzahl von neun Studio Alben somit 30 Millionen Musikträger verkauft.

Lenny Kravitz

Ja und in Erinnerung ist da auch ein besuchtes Lenny Konzert. Vor langer Zeit in Stuttgart. Und gerade diese Erinnerung machte nicht viel Lust auf einen erneuten Besuch. Denn es wurden damals die "alten" Lieder gemieden und nur das aktuelle Album wie im Studio runtergespielt. Nun ja.
Wie kommt's dann doch zum Konzertbesuch? 2012 wollte sich der Autor ja privatbedingt etwas aus dem Berichtgeschäft zurück ziehen. Aber natürlich ist kollegiale Hilfsbereitschaft immer im Vordergrund. Vor allem wenn krankheitsbedingt Redaktionskollegen kurzfristig umdisponieren müssen. Durch eine Verkettung glücklicher Umstände kam es dann auch zu einem nahtlosen Transport des Autors bis zur Veranstaltungsort. Immerhin eine Transferzeit von zwei Stunden. Ganz ohne Eigenleistung. Vielen Dank an die Transportengel! Waren doch deren gar drei notwendig um den Autor an Ort und Stelle des Konzerts zu bewegen.
Drei Engel für Lenny Kaum angekommen in Lörrach, wurden noch ein paar Veranstaltungs-formalitäten erledigt und schon ist die gesamte Technik bereit für das Konzert. Der Marktplatz in Lörrach bietet schon eine einmalige Atmosphäre. Dazu haben wir an dem Abend Glück gehabt: Es regnet nicht! Somit sind auch keine vielen blauen Zwerge auf dem Platz. Vom Nachteil auf ein "spätes" Konzert weit ab von zu Hause zu gehen und am nächsten Tag dann in aller frühe zu arbeiten - davon soll hier nichts erzählt werden!
Und das Konzert? Es war richtig gut! Scheinbar haben die Trennung von den falschen Frauen und der Umzug nach Paris dem Künstler gut getan! Alle großen Titel wurden angespielt und je länger der Abend wurde, desto länger wurde Lenny Kravitzdie Interpretation der Lieder. Der einzig wahre Grund auf ein Live-Konzert zu gehen. Nicht nur den Künstler mal zu sehen, sondern eine einmalige Variation von bekannten Liedern zu hören. Sehr tanzbar das ganze! So muss ein Rock-Konzert sein: ein scheinbar zugedröhnter Rockstar und viele gute originäre Lieder. Lenny schien teilweise abseits der Musik desorientiert zu sein. Zitat "What is this building there?" (Anmerkung: Lenny wunderte sich über die Gäste auf dem Balkon vom Hotel Krone. Wobei auf dem Balkon in Wahrheit nur ausgesuchte Gäste einer lokalen Bank sind...). Kurz nach dieser Frage, die berechtigterweise unbeantwortet bleiben soll, kam ein unheimlich kraftvolles "Rock Star City Life". Abgerundet von einer super Begleitband hatte der Abend alles. Wirklich alles? Nein, endlich gab es mal keine Zugaben! Lenny spielte einfach so lange, bis alle Lieder gespielt waren, das Publikum zufrieden war, der Künstler seine Liebe zum Publikum gestanden hat und alle nach Hause oder wo auch immer hingingen.
Pretender #1

Zuschauer: 4500 (ausverkauft)
Spieldauer: ca. 100 Minuten


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Homepage von Lenny Kravitz
Stimmen-Festival Lörrach



22.07.2012, Freiburg, ZMF
Hoffnung und Revolution
Diesmal wurde beim Abschluss des ZMF Spanisch gesprochen

ZMF Es ist schon Ende Juli und der Sommer ist noch immer nicht in Sicht. Dennoch passend zum Abschlusskonzert des diesjährigen ZMF ließ sich die Sonne blicken, um die schlechte Stimmung dieses regnerischen Sommers evaporieren zu lassen. So war es nicht nur die Sonne, die gute Stimmung verbreitete, sondern besonders die Auftritte von Jarabedepalo und Calle 13. Diese zwei Bands boten der Menschenmenge energie- und gefühlsgeladene Darbietungen, die beim Publikum enorme Euphorie hervorriefen. Wie bereits erwartet, gab es einen gemeinsamen Nenner der Zuschauer: Deutsch war nicht die Muttersprache. An diesem Abend war Spanisch die meist vertretende Sprache auf dem ZMF!
Jarabedepalo erschien mit deutscher Pünktlichkeit, was ein Resultat des langjährigen Aufenthaltes von Pau (Bandleader) in Berlin sein könnte. Pau begann mit einer kurzen Ansprache auf Spanisch und spielte darauf die ersten Akkorde auf seiner Gitarre. Die Reaktion des Publikums, vor allem der weiblichen Gäste, war ein riesiger Freudenschrei. Die einfache und positive Musik von Jarabedepalo erzeugte sofort eine freudige Atmosphäre und gute Stimmung im Innern des Zirkuszeltes. Im ersten Teil des Konzertes wurde schnell deutlich, dass zwischen Jimmy (Saxophon) und Pau eine ganz besondere Chemie herrschte. Jedes Mal, wenn die beiden anfingen miteinander zu tanzen, antwortete das Publikum mit einem riesigen Applaus und lauten Freudenschreien. So wurden im ersten Teil Lieder wie "¡Yep!", "Depende" und "El lado oscuro" gespielt.

Pau und Jimmy, eine besondere Beziehung.
Pau und Jimmy, eine besondere Beziehung.

Der zweite Teil des Konzertes wurde kurz und intim. Bei zwei langsamen Liedern konnte das Publikum verschnaufen und für den Rest des Konzertes Energie tanken. Zuerst bat Pau die Leute, wie beim Flamenco in ihre Handflächen zu klatschen, um so die Ballade "Déjame vivir" zu begleiten. Danach ermunterte er alle Frauen die Lyrics von der Ballade "Agua" laut mitzusingen.
Diese kleine Atempause endete mit dem Lied "Adelantando", wobei sich das männliche Publikum über einen Rap von Carmen (Bass) freuen konnte. Der schnelle Rhtythmus dieses Liedes war der Auftakt zu den meist bekannten Musikstücken: "Bonito" und "La Flaca". Das letzte Lied machte die Gruppe in den neunziger Jahren von einem Moment auf den anderen bekannt und wurde an diesem Abend einstimmig vom Publikum mitgesungen. Den Abschluss machte "Grita", ein Song über die Freundschaft, welcher viel Enthusiasmus und eine gute Vorbereitung für den Rest des Abends hinterließ.
Nach 20 Minuten Pause, ließ Calle 13 noch etwas länger auf sich warten als gedacht. Das Publikum rief im Sprechchor den Namen der Band und Visitante trägt einen kleinen Hut und spielt auf einer kleinen Gitarre.hoffte auf deren baldigen Auftritt auf der Bühne. Calle 13 ließ noch eine weitere Minute auf sich warten. Die Anspannung war deutlich zu spüren und war kurz vorm Zerreißen als plötzlich die Revolution mit "El baile de los pobres" begann. Die Energie von Residente, dem Sänger, schien kein Limit zu haben. Sein frenetischer Tanz kontrastierte die Ruhe von Visitante, dem Instrumentalist.
Nein, es ist kein Reggaeton, es ist eine Kritik. Elemente von Cumbia, Merengue, Elektronik, Jazz, Bosanova und anderen sind Teil des Repertoires von Calle 13. Dieses spiegelt sich auch in der großen Anzahl an Begleitmusikern und in den unterschiedlichen Instrumenten wider, die Visitante während des gesamten Konzertes spielte, u.a. eine Theremin während "Me voy pal norte". Residente verwendet die Texte der Musikstücke, um politische, soziale und wirtschaftliche Angelegenheiten zu verspotten, beispielsweise in "El baile de lospobres" oder "Ven y critícame".

Residente und PG13.
Residente und PG13.

Trotz der großen musikalischen Vielfalt ist es nicht möglich das Konzert in bestimmte Sektionen einzuteilen. Das Publikum hüpfte und hüpfte für anderthalb Stunden ohne Pause. Residente nutzte die Zeit zwischen den einzelnen Liedern, um Botschaften über die Unabhängigkeit Puerto Ricos, die Gleichheit der sexuellen Präferenzen, den Mut der Migranten und die Einheit Lateinamerikas zu proklamieren. Damit konnte die Laune der Zuschauer fast die ganze Zeit in ekstatischem Zustand gehalten werden.
Calle 13 beendete seine Präsentaion mit "Atrévete-te-te" - ihrem ersten großen Erfolg- "Latinoamérica" und "Fiesta de locos". Obwohl es schon 23:30 Uhr war, wollte das Publikum mehr con Calle 13. Man konnte "Otra, otra, otra" (Zugabe auf Spanisch) noch für mehrere Minuten deutlich vernehmen, auch noch, als bereits die Assistenten der Band anfingen die Instrumente auf der Bühne abzubauen.
Dingo y Josefa

Zuschauer: ca. 2000 (die wie 20000 geschrieen haben)
Spieldauer:
Jarabe de Palo: ca. 90 Minuten
Bier/Cola Pause: ca. 25 Minuten
Calle 13: ca. 95 Minuten

Jarabedepalo (ja! alles zusammen geschrieben) sind:
Alex Tenas: Schlagzeug
Carmen Niño: Bass
Pau Donés: Gesang, Gitarre
Jimmy Jenks Jimenez: Saxophon
Riki Frouchtman: Guitarre

Calle 13 sind:
René Pérez Joglar alias Residente: Gesang
Eduardo Cabra Martínez alias Visitante: Keyboards, Gitarre, Akkordeon, Banjo, Melodeon, Sampler, Gesang, Theremin, etc
Ileana Cabra Joglar alias PG13: Gesang


ZMF Freiburg
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Homepage von Jarabedepalo
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21. Juli 2012, Marktplatz, Lörrach
ZAZ
Lehrt uns das Alphabet des Joie-de-Vivre hoch und runter… und umgekehrt!

Stimmen Es ist Viertel vor Neun auf dem Marktplatz in Lörrach. Ein paar Regentropfen begleiten den hellen Sonnenuntergang. Es ist zwar schön aber leider kühl und die Zuschauer warten schon seit einer Stunde auf den neuen aufsteigenden Stern des Chanson Francaise. Das Publikum pfeift, klatscht: seine Geduld ist ausgereizt. Die Band erscheint endlich auf der Bühne und legt los; und zwar sofort mit hohem Tempo, viel Energie und einer Eigenschaft, die die Zuschauer nicht täuschen wird: mit viel, viel Spaß!
Im zweiten Song, singt ZAZ "Je saute partout" (="Ich springe überall"). Und in der Tat tut sie das!! Dieses große Vergnügen hier zu singen wird spätestens nach dem dritten Song offensichtlich, als ZAZ die Zuschauer auffordert mitzusingen. Sie leitet wie eine erfahrene Dirigentin den riesigen Chor durch laute oder leise schapala-pala, schapala-pale. Die Stimmung ist heute Nacht richtig sommerlich!

ZAZ

Ihre heiße, gebrochene Stimme und ihre ansteckende Freude sind von der lebhaften Musik (ein wenig Swing, eine Prise Jazz und Gypsie-Akzente) perfekt getragen. Ob eigene Kompositionen oder von Edith Piaff oder Raphael, die starke Komplizenschaft mit Guillaume Juhel an der Gitarre bringt Feuer in jeden Song.
Drei Lieder später und obwohl die Meisten hier kein Französisch können, singen alle den Chorus bei "Je Veux" laut mit. Für Ich will Liebe, Freude, gute Laune, und obwohl das Publikum sehr gemischt ist, sind es die Frauenstimmen, die man am lautesten hört.
Kurz vor Zehn holt ZAZ einen Veranstalter auf die Bühne, der für sie übersetzen soll. Wir erfahren dann, dass das deutsche Publikum durch seine Fröhlichkeit und seine Spontaneität eines ihrer Favoriten sei. Deswegen möchten die Band und sie heute Abend einen neuen Song präsentieren. Das besondere dabei ist, dass der Chorus auf Deutsch geschrieben wurde, so dass das Publikum mitsingen kann. Sie liest den Text also erst vor. Und obwohl sie geübt ist, vor Massen aufzutreten, spürt man ihre Aufregung. Addiert man dazu ihren süßen jedoch starken Akzent, wird der Text dann schwer verständlich. Trotzdem ist der Song tänzerisch und vielversprechend. Wir freuen uns aufs nächste Mal, wenn sie ihr Gymnasiumdeutsch aufgebessert hat.

ZAZ

Um Viertel nach Zehn wird die ganze Band in der Mitte des Liedes plötzlich alles stoppen: stoppen zu spielen, stoppen zu singen, sich zu bewegen, die Licht-Effekte sind eingefroren, die Luft ist still. Sekunden lang halten sie die Pause. Es wirkt wunderbar: (foto)graphisch, stilvoll. Dann plötzlich und im Takt spielen sie mit einem Funky-Jazz Rhythmus weiter.
Gegen Ende stellt ZAZ alle Bandmitglieder einzeln vor und dankt namentlich den Veranstaltern und Technikern, bevor sie die Bühne verlässt. Dennoch ist das Publikum noch nicht satt und ruft laut nach Zugabe. Nach wenigen Minuten kehrt die Band für zwei weitere Songs zurück. Dann lassen sie alle Instrumente fallen, laufen vor und verbeugen sich vor allen Zuschauern.
Das gleichnamige Album vom ZAZ ist schon ein Kassenschlager gewesen. Ihr Auftreten bringt jedoch einen deutlichen Mehrwert und offenbart eine Künstlerin mit großem Talent und voller Energie. Einfach klasse!
Loïc

Zuschauer: ca. 2000
Spieldauer: ca. 110 Minuten

ZAZ wurde begleitet von:
Gitarren: Guillaume Juhel und Benoit Simon
Kontrabass und Bassgitarren: Ilan Abou
Schlagzeug: Jean-Pierre Motte
Keyboards: Denis Clavaizolle

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Stimmen-Festival Lörrach



13.07.2012, Montreux Jazz Festival, Miles-Davis-Hall
Von Manchester über Berlin nach Nowheresville
Nada Surf / The Ting Tings

MJF Montreux hat's in sich, Montreux strahlt aus, im Zweifelsfall auch bis nach Basel - jedenfalls schien es so, denn ab dort ging die Anfahrt größtenteils im stop-and-go-Modus. Sei's drum, bei Ankunft warnte der stets wohlinformierte Musiksender Couleur3 vor dem Gerangel um die wenigen verbleibenden Parkmöglichkeiten in Montreux. Doch wir hatten vorgesorgt: Flugs in der Nachbarstadt geparkt, Bike zusammengebastelt und hin - durch leichten Nieselregen am wie immer unschuldig dreinschauenden Genfer See entlang.
Natürlich war das Konzert bereits in vollem Gang, als tropfend und schniefend das Dorfgeschwätz die ehrwürdige Miles-Davis-Hall betrat. Doch das störte niemanden. Zu tropfen schien zum guten Ton zu gehören, sei es von Regen oder Schweiß. Letzterer wurde örtlich zur argen Belastung, da die bereits etwas knittrigen Musikanten von Nada Surf ein teils ebenso angeknittertes Publikum versammelt hatten, das deren eher lau-süßliche Weisen mit ebensolchen Düften bereicherte. Selbst Biertrinken half hier nur wenig, auch dieses nahm - in winzigen Plastikbecherlein dargeboten - rasch eine geschmackliche Entsprechung der übrigen Sinneseindrücke an. Immerhin verfügt Nada Surf-Sänger Matthew Caws über ausgezeichnete Französischkenntnisse, die ihm eine große frankophone Fangemeinde sichern und auch die Einladung der Band nach Montreux erklären. Doch es währte nicht gar zu lange und Nada Surf begab sich, getreu dem strengen Abendprogramm, ohne eine Zugabe zur wohlverdienten Feierabendruhe.

Jules De Martino
Jules De Martino

Nach dem Umbau präsentierte sich Publikum wie Bühne gänzlich erneuert, die Hörerschar war um etliche eher markige Figuren erweitert, was sich im Altersdurchschnitt kaum bemerkbar machte. Es gehört zu den netten Aspekten eines Besuchs des Montreux Jazz Festivals, dass sich hier Musik-Gourmets unterschiedlichster Generationen und Herkünfte zum Genuss der üppigen Vielfalt an dargebotenen Musikstilen zusammenfinden. So sieht man auf den Raucherbalkonen immer wieder Grüppchen kiffender Mitsiebziger in Anzug und Abendkleid, die das Bild bereichern und der mittlerweile fünfundfünfzigjährigen Tradition des Festivals gemahnen.

The Ting Tings
The Ting Tings

Von der Bühne tönte mit dem Auftritt des Duos The Ting Tings ein herrlich frischer Sound, dessen knalliger Beat öfters mal mit einer gewitterartigen Lightshow höchst passend untermalt wurde. The Ting Tings lassen mit ihrem Genre-Mix aus Punkrock und rapigem Elektro Pop fast vergessene Erinnerungen an bereits ausgestorbene Crossover-Erscheinungen wie Clawfinger und dergleichen wieder aufleben ohne dabei in staubigen Retro-Kisten hängen zu bleiben. Die Stilsynthese kommt leicht, verspielt und selbstbewusst daher und verbindet den rotzigen Ernst seiner politlastigen musikalischen Vorfahren mit der Selbstverständlichkeit, dass Musik doch bitteschön in erster Linie lecker sein und Spaß machen soll. So richtig lecker wird die Musik des Duos aus Manchester vor allem durch die Stimme der Sängerin Katie White, die dem Ganzen eine limettengleiche Frische verleiht.

Katie White
Katie White

Mit dieser Mischung verwundert es nicht, dass The Ting Tings mit einem ziemlichen Senkrechtstart einige Monate im britischen Pophimmel verweilten, was sich - wie Kritiker unken - nicht so bald wiederholen wird, da sich bereits ihr zweites, im laufenden Jahr erschienenes Album Sounds from Nowheresville nicht durch übermäßige Kreativität auszeichnet. Jules de Martino, der musikalisch vor allem die Trommelschlegel schwingt, sieht dies freilich anders. Immerhin zogen die beiden zur Aufnahme der Stücke extra nach Berlin, wo neue Bekanntschaften tatsächlich auch neue Ideen bewirkten. Sei es, dass sich Letztere erst im nächsten Album klanglich niederschlagen, dem Publikum in Montreux war es völlig egal. Mithin dank neuer Stücke wurde der von Fans ersehnte Sound bei diesem herzerfrischenden Konzert lange genug geliefert, um alle Erinnerungen an Nieselregen und Schweißdünste fort zu blasen. Und um aufzuhören, wenn's am schönsten ist, erklang auch erst ganz zum Schluss mit That's Not My Name das Stückchen, das seit dem Durchbruch der Ting Tings deren unübertroffenes Markenzeichen blieb.
Patrick Widmann


The Ting Tings bei Amazon
Homepage von The Ting Tings
Montreux Jazz Festival



19.07.2012, Freiburg, ZMF
Swing-Party deluxe
Caro Emerald im Zirkuszelt

ZMF Wieder einmal die Ohrstöpsel vergessen - seit wir uns bei einem Konzert in der hiesigen Rothaus-Arena einmal zu weit auf die Bühne vorgelehnt haben, gehen wir nicht mehr ohne Dämpfung im Ohr in die nullte Reihe eines Konzerts, den Fotograben. Aber das traditionelle ZMF-Crepes wird mit einer Serviette geliefert, die auch im Ohr ihren Dienst tut. Der Fotojob ist schnell erledigt, die Kamera meldet "Speicherkarte voll", also raus aus dem Fotograben, raus mit der Serviette aus dem Ohr und endlich den Sound ungedämpft genießen.
Dumm nur, dass wir das linke Ohr zu gut zugestopft haben und den Serviettenfetzen jetzt nicht mehr heraus bekommen. "Eine Pinzette wäre jetzt nicht schlecht", denken wir uns und machen einen Abstecher ins Sani-Zelt, wo wir am ehesten die Existenz einer solchen vermuten. Doch die einzige Pinzette, die mir dort angeboten wird, ist die am Taschenmesser des Sanis, die uns aber gerne zur Verfügung gestellt wird. Wir unsererseits geben aber sehr schnell den Versuch auf, den Fetzen selbst aus dem Ohr zu bekommen und bitten den Sani, sich der Sache anzunehmen. Doch auch er scheitert mit der Pinzette und uns beschleichen schon Gedanken, ob wir jetzt den Rest des Lebens mit einem Papierdämpfer im Ohr verbringen müssen.
Aber der Sani klappt kurzerhand die Schere an seinem Taschenmesser aus, womit es ihm gelingt, Buddy Holly mit grünen Socken?die Schere quasi als Zange nutzend, den Serviettenfetzen aus dem Ohr zu retirieren. Den Kommentar "mal wieder Ohren putzen!" kann er sich beim Anblick des Schmalzes nicht verkneifen, wir fühlen uns wie neu geboren, bedanken uns artig und sputen uns, zurück ins Zirkuszelt zu kommen. Dort angekommen wird uns zwar Einlass gewährt, nicht aber der Zugang durch den Haupteingang, vielmehr werden wir aufgefordert einer der Nebeneingänge zu nutzen. Das Zelt ist also voll, was zwar nicht den brillanten Sound dämpft, aber den Aktionsradius, den diese Musik dem Körper unweigerlich abverlangt. Caro Emerald auf engstem Raum ruhig stehend an- und zuzuhören geht gar nicht. Caro Wer?
Wie so oft kann kein Mensch, dem wir im Vorfeld erzählen, wo wir den Abend verbringen, etwas mit der Künstlerin anfangen. Die über 2000 Leute im Zelt und die vielen, die der Show vor dem Zelt lauschen aber schon. Auch wenn sie nicht unbedingt die gleiche Assoziation zur holländischen Künstlerin haben, wie wir. Kennen Sie June Carter? Die zweite Ehefrau von Johnny Cash? Im Film "Walk the Line" wird sie von Reese Witherspoon dargestellt und legt eine ähnlich nasale Stimme an den Tag, wie das Caro Emerald gelegentlich tut.

Caro Emerald

Im Vorfeld des Konzerts meinte einer der Redakteure, er habe sie vor zwei Jahren in Berlin gesehen und sprach von einer "Swing-Party deluxe gepaart mit 20er-Jahre Schick und einem Gitarristen, der aussieht wie Buddy Holly." Die Assoziation zu Buddy Holly liegt in der Tat nahe, aber trug Buddy Holly auch hellgrüne Socken? Die zweite Hälfte des Konzerts bestritt Wieger Hoogendorp sogar ohne Brille, und spätestens seit den Ärzten wissen wir, dass Holly ohne Brille kein Buddy ist.
Caro Emerald stellt im Laufe des Konzerts unter Beweis, dass sie auch ganz ohne Begleitung den Ton trifft und eine wirklich brillante Stimme hat. Doch ihre Band steht ihr in punkto Qualität in nichts nach.

Caro Emerald mit Band

Insbesondere die letzte halbe Stunde der gut 100 Minuten sind der absolute Hammer. Erst wird eine knapp zehnminütige Version ihres bislang größten Hits "A Night Like This" zum Besten gegeben. Einer kurzen Pause, aus der sie sich aber nicht lange bitten lässt, folgt mit "Close to Me" ein ruhigeres Stück, bevor das Konzert mit "Stuck" (ebenfalls in "Überlänge") seinen Höhepunkt erreicht. Das geht so nach vorne los: Hammer!
Als wir völlig nassgeschwitzt denken "Das war es jetzt", kommt Emerald doch noch mal auf die Bühne. Aber kann man das noch toppen? Wäre es nicht besser, sein Publikum in dieser Stimmung nach Hause zu schicken, denn eigentlich kann es doch nur noch schlechter werden? Wir sind davon überzeugt und werden dennoch umgehend eines Besseren belehrt. Emerald erzählt die Geschichte "wie alles begann", dass sie erstmals einen Solo-Einsatz im Schulchor hatte und singt uns noch mit genau diesem Lied auf den Heimweg, das sie damals singen durfte: "Dream a little Dream". Und da ist sie wieder, diese nasale June-Carter-Assoziation, leicht schwebend verlassen wir das Zirkuszelt...
jh

Zuschauer: ca. 2200
Spieldauer: ca. 105 Minuten

Es sangen und spielten:
Vocals: Caro Emerald
Drums: Stefan Kruger
Bass: Sean Fasciani
Keys: Stefan Schmid
Guitar: Wieger Hoogendorp
DJ: DJ Git Hyper
Trombone: Louk Boudesteijn
Saxes: Guido Nijs
Trumpet: Jan van Duikeren

ZMF Freiburg
Caro Emerald bei Amazon
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Schönes Konzert von Emerald bei Youtube



10.07.2012, ZMF:
Androiden-Spektakel im Zirkuszelt
Janelle Monaé

ZMF Ach, herrje, Freiburg. Warum siehst Du nicht die Trüffel, wenn sie durch die Stadt rollen? Ja, ja, ja, wir sind hier nicht in Seattle, Dirk. Ein verregneter Dienstagabend ist fürs ZMF beileibe nichts besonderes, der Besuch von Janelle Monaé dagegen schon. Dabei hatte es doch eigentlich genügend (Dorf-)Geschwätz Janelle Monaérund um Freiburg gegeben, wie Miss Monaé letztes Jahr Joy Denalane die Show bei ihrem gemeinsamen ZMF-Auftritt gestohlen hatte. Aber nur geschätzt schlappe sechshundert Zuschauer wollten sich an diesem ZMF-Abend nach dem solide blues-rockigen Auftakt von Gary Clark Jr. von einer wahrhaft furiosen Bühnenshow und einer perfekten musikalischen Darbietung von Janelle Monaé und ihrer dreizehnköpfigen Band in Ekstase versetzen lassen. Und die macht ordentlich Dampf. Der Gitarrist mit Rick James-Frisur, zwei Bläser und zwei Backgroundsängerinnen jeweils in hot action, dazu Bass, Drummer, Percussionist, Keyboarder und vier Streicher, darunter ein E-Cello.

Trotz des mageren Besuchs steigt die Spannung und das Adrenalin im Zelt zu Beginn unaufhörlich. Nach Ankündigung eines Zylinder tragenden Frackträgers und einem Intro als Spannungspusher startet die Show furios. Licht und Bewegung von Anfang an. Drei Kuttenträger im Zentrum, die aussehen wie der Tod. Der mittlere entpuppt sich schnell als nur 1,60cm groß, träJanelle Monaégt eine gewagte, coole Tolle und den Namen Janelle Monaé. Und sie ist sofort in Vollaction wie die Band auch. Damit wir uns richtig verstehen. Janelle Monaé ist mit 26 Jahren noch sehr jung, hat selbstverständlich eine großartige Stimme, aber sie ist weder eines von diesen MTV-R&B-Sternchen und auch keine Vintage-Soul-Diva. Nein, man kann sie in keine Schublade pressen, Funk, Jazz und Soul sind genauso Bezugspunkte wie Musicals, Soundtracks und sowohl fast hardrockige Momente wie auch Reminiszenzen an 80er-Rock-Pop. Es schadet dem Verständnis des Kunstwerkes Monaé nicht, um das Science Fiction-Konzept ihrer bisherigen beiden Alben „Metropolis“ und „Archandroid“ zu wissen, in dem sie die Kunstfigur einer Androidin verkörpert und in dem sich Bezüge zu Fritz Lang und zu Philip K. Dick´s „Blade Runner“ offenbaren. Das spielt in der Show eine eher untergeordnete Rolle, auch wenn ein paar Kämpfe gegen das Böse verkörpende Figuren genauso zur Inszenierung gehören wie auch das Live-Painting eines Bildes durch die talentierte Hand von Janelle Monaé – das Gemälde mit dem grün-gelb-rot gehaltene Anblick eines Frauenrückens wird von ihr mit „God is love“ überschrieben und am Schluss des Konzertes an eine Geburtstagsjubilarin überreicht.

Janelle Monaé

Kleine Extravaganzen sind neben einer perfekt eingespielten Band auch Bestandteil einer Show, die viel Abwechslung bei den Tonfarben bereithält. Da ist das James Bond-Medley im Shirley Bassey-Stil zu Beginn der ersten Zugabe, einige schnuffigere, langsamere Soulstücke, der Gitarrist kriegt immer wieder Auslauf, um sein bestes Stück zu quengeln und die Bläser und Streichersektionen setzen elegante Tupfer. Besonders schnellere Nummern wie „Tightrope“, „Faster“ oder „Dance or Die“ kommen und klingen live noch energetischer als auf Album. Alle Bandmitglieder sind in ständiger Bewegung, ohne dass die Show inszeniert oder zu sehr durchgestylt wäre. Auch die Tanzeinlagen wirken nicht einstudiert oder aufgesetzt. Die Band strahlt Ehrlichkeit aus, gibt sichtbar alles und hat Spass. Äußerst cool auch der dezente schwarz-weiße Look der gesamten Band, zumeist mit Hosenträgern, die Backgroundsängerinnen mit großen Sternkrägen, die Streicher in Ganzkörperanzügen. Das Konzert erreicht seinen Höhepunkt nach einem Ausflug von Monaé ins Publikum zum Scat-Rhythmus von „Come Alive (War of the Roses)“.Da springen nicht nur alle Musiker wie Derwische über die Bühne, sondern das ganze Zelt tobt und nutzt den reichlich vorhandenen Platz und geht anschließend nach viel Applaus glücklich in die gewittrige Freiburger Nacht.
Götz Adler


ZMF Freiburg
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04.07.2012, ZMF Freiburg, Zirkuszelt:
The Godmother of Punk beim ZMF


ZMF Mittwoch, der 4. Juli 2012, 20:00 im Zirkuszelt des Zelt Musik Festivals, Freiburg: Patti Smith und ihre Band gaben sich die Ehre, das Eröffnungskonzert zu spielen.
Na ja, eigentlich ist es 20:08: ich laufe durch den Eingang und höre schon Musik...? "Ja, die alten Weiber fangen pünktlich an" so der Mitarbeiter, der gerade mein Ticket zerrissen hat.
Und in der Tat: Ich bin also drin und die Band ist schon da und spielt, und sie ist nicht allein hier: das Zelt ist voll! Die Band mit der gleichen Besetzung aus den 70er Jahren wirft "Free Money" ins Publikum, das sofort anfängt, hibbelig zu werden - ist doch klar: ehemalige Hippies haben nichts gegen Kohle. Nach diesem Hit aus dem Jahr 1978, bringt sie ihr politisches Engagement vor: wir sollen ein kleines Gebet für die Natur machen, insbesondere für den Mount Fuji. Ein blaues Licht umhüllt das Zelt mit einer Stimmung, die uns helfen soll, uns in eigene Gedanken zu vertiefen.
Patti Smith, 2012Nach einem Song, den sie ihrer Freundin Maria Schneider (Schauspielerin mit Marlon Brando in "der letzte Tango in Paris") widmet, geht das nächste Stück an ihren "favourite Gypsie". Wer kann das wohl sein? "If you want find out who that is, you can buy the record". Eigentlich ein schlechter Witz. Aber sie hat die Art und Weise sowas hervorzubringen, dass das Publikum lacht. Aaaaber um 20:34 alle Achtung: Sie fängt ein Lied an, alleine mit der Gitarre und nach 20 Sekunden, stoppt sie… Ruhe… "Sorry, I forgot the words". Waaas? Mannooo! Unverschämt! Was ist hier los? ... Jedoch, die Zuhörer lächeln sie ruhig an, zeigen Geduld und klatschen. (Ich gucke mir das an und denke: Seit wann ist das Publikum-Künstler eine Eltern-Kind Beziehung? Habe ich etwas verpasst? Naa jaa.) Grande Dame, sie lässt sich nicht stören, nimmt sich Zeit zum Nachdenken, mhm… aha… okey dokey… wann auch immer … und es geht weiter.
Später spielen sie "Ghost Dance" von dem Album Easter (1978). Toller Song wirklich: er beginnt ganz ruhig mit einer Gitarre, aber weitere Instrumente kommen dazu; er ist repetitiv, wird immer lauter und nicht nur die Band singt mit, sondern das ganze Zelt. Ihre mittlerweile rauer gewordene Stimme kommt hier wirklich zum Einsatz. Die "Patentante des Punks" hüpft nicht viel auf der Bühne herum; das ist ihre Stimme, die die Spannung des Songs aufbaut und diese Spannung auf die Zuhörer herab rieseln lässt. Sie singt nicht nur, sie redet und erzählt dazwischen. Das Ganze wirkt sehr hypnotisch. Wir sind auf einem Schiff und heben alle ab, als der Song dichter wird. Sie vergisst schon wieder ihren Text, aber der Song ist so gut inszeniert, die Zuhörer schon in Trance, dass ihr eh vergeben ist. Das Publikum schreit, pfeift, jubelt!

Patti Smith mit Band

Gegen 21:00 macht sie eine kurze Pause. Währenddessen spielt die Smithlose Band einen Song und der Hauptgitarrist Lenny Kay übt sich am Mikrofon. Das ist sehr rockig! Als sie zurück kommt, geht es noch eine ganze Stunde im Smithstil weiter. Darunter spielen sie "Because the Night" (1978 zusammen mit Bruce Springsteen geschrieben). Wir singen alle mit. Daran arbeitet der Lichtingenieur auch mit: beim Refrain richtet er starke helle Scheinwerfer aufs Publikum, das sich plötzlich so gut wie auf der Bühne fühlt und als Riesenchor singt. Es ist ein tolles Gefühl des Eins-seins! Zum Schluss werden wir alle "Gloria" singen, die große Leiterin der großen Show wirft ihr Jackett weg, spuckt und schreit und als sie die Faust hochhält, schreien wir alle den von uns wohl bekannten Text:
"Oh, she was so good
Oh, she was so fine"
Ja, das war sie!
ll

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